Steve Lacy - Flaps
Steve Lacy komponiert nicht, um Stille zu füllen; er nutzt sie als eine Kluft zwischen zwei Welten, nämlich zwischen dem mechanischen Lachen einer Maschine und der rauen Stimme eines Einheimischen. Flaps, das 1973 auf Pipe Records veröffentlicht wurde, ist diese klaffende Lücke, durch die die Stadt aus einer schrägen Perspektive sichtbar wird. Zwischen dem satirischen Humor der Titel, die Pee Wee Russell oder Charles Chaplin gewidmet sind, und der düsteren urbanen Poesie eines Tributs an Fritz Kotrba, funktioniert das Album wie eine Maschine, die den Alltag in greifbare Klangmaterialien verwandelt. Es geht weniger darum, eine Saxophon zu spielen, als darum, die Straßen durch ein Instrument zu sprechen, das sich weigert, die konventionelle Melodie anzunehmen, sondern die Textur des urbanen Lärms zu umarmen.
Pee Wee Russell oder das Lachen vor dem Text
Der Beginn des Albums ist kein einfaches Einstieg, sondern eine Art Manifest: Flaps (To Pee Wee Russel) stellt sofort die Idee heraus, dass man hier nicht für die Reinheit der Standards oder für akademische Virtuosität kommt. Der Titel des ersten Titels ist eine Verehrung für einen anderen Saxophonisten, aber die Behandlung ist alles andere als eine klassische Hommage. Steve Lacy nutzt sein Sopransaxophon als ein Werkzeug der sozialen Beobachtung, wobei Humor zu einem Mechanismus der Verteidigung gegen die Vereinheitlichung des modernen Jazz wird. Das Stück funktioniert als eine Pause in Lacys Karriere, zwischen The Gap (1972) und Trickles (1976), und markiert einen Moment, in dem der Saxophonist sich weigert, in eine Rolle des Virtuosen zu verfallen, um seine Funktion als Erzähler wiederzuerlangen.
Charles Chaplin: Wenn Jazz zum Filmkritik wird
Die zweite Seite des Albums setzt diese filmische Entwicklung mit Flops (To Charles Chaplin) fort, die eine kulturelle Referenz in rohe musikalische Elemente umwandelt. Während ein Album wie Epistrophy (1969) auf die harmonische Architektur von Thelonious Monk setzte, lädt dieser Titel zu einer Dekonstruktion ein: Der Name von Chaplin ist keine nostalgische Anspielung, sondern ein Prisma, durch das Lacy seine eigene Stadt betrachtet. Dieses Stück funktioniert als eine melodische Gegenstimme zu den dunkleren Kompositionen, die folgen, und schafft einen ständigen Dialog zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit. Der österreichische Trompeter Franz Koglmann ist nicht nur auf dem Album präsent; er komponiert eigene Stücke wie Bowery 1 und Steirish WC Nr. 2, die als direkte Antworten auf die Texte von Lacy fungieren und ein Duo bilden, in dem jede Intervention eine Antwort in einem endlosen städtischen Gespräch ist.
Fritz Kotrba und das Schreiben einer urbanen Poesie
Wenn man der genauen Reihenfolge der Titel folgt, kommt man zu Hommage To An Old Raincoat (To Fritz Kotrba) am Ende des Albums, das als abschließender, poetischer Abschluss dient. Dieser abschließende Titel steht im Kontrast zur humorvollen Eröffnung und schafft eine narrative Struktur, in der der anfängliche Humor sich in eine urbane Melancholie verwandelt. Flaps bleibt ein Album, bei dem die Stimme der Sopranistin zu einem Instrument der sozialen Satire wird und den Alltag in kompositorisches Material verwandelt. Zwischen den Originalkompositionen von Steve Lacy und denen von Franz Koglmann, zwischen dem Humor der Hommagen an kulturelle Figuren und der düsteren Poesie eines politischen Hommages, funktioniert das Album als eine Klangkarte seiner eigenen Zeit. Es handelt sich nicht nur um eine einfache Jazz-Kollaboration, sondern um einen Versuch, die Sopransaxophon-Spielweise in einen spezifischen urbanen Kontext zu verankern, zwischen satirischem Humor und sozialem Engagement.
Technische Daten
- Veröffentlichung: 1973 - Label: Pipe Records - Titel: 8 - Eröffnung / Schluss: Flaps (To Pee Wee Russel) / Hommage To An Old Raincoat (To Fritz Kotrba)
🎬 Die Clips des Albums
8 clips · fortlaufende Wiedergabe
Titel
- 1
- 2
- 3
- 4Bowery 1feat. Franz Koglmann
- 5
- 6
- 7Bowery 2feat. Franz Koglmann
- 8
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