
Steve Lacy - Sempre amore
"Sempre Amore" präsentiert sich nicht als eine klassische Übung in Integrität. Steve Lacy nutzt hier das Duo mit Mal Waldron nicht, um eine Klanglücke zu füllen; er schafft eine Bresche, in der nur sein eigener Atem zu hören ist, und verwandelt das kompositorische Material von Duke Ellington und Billy Strayhorn in eine solitäre Architektur, in der Sopransaxophon und Klavier ein einziges Instrument bilden. Dieses Album, das 1987 von Soul Note veröffentlicht wurde, gehört zur Reihe der Kollaborationen des Saxophonisten mit Pianisten der Post-Bop-Szene, nimmt aber eine radikale Abweichung vor: Anstelle der klassischen freien Improvisation wird jeder Titel zu einer getreuen, aber unabhängigen Neufassung, wobei das Fehlen von Schlagzeug und Bass eine ständige strukturelle Spannung erzeugt.
Post-Bop-Reappropriation: Ellington und Strayhorn neu interpretiert vom Duo
Das Album präsentiert sich als ein Akt der vollständigen Aneignung. Steve Lacy nimmt Standards, die von Duke Ellington und Billy Strayhorn komponiert wurden – dichtes, geschichtsträchtiges Material – und entzieht ihnen ihre ursprüngliche Orchestrierung. Es handelt sich nicht um passive Homagen; jeder Titel wird als ein Raum behandelt, in dem das Sopransaxophon mit dem Klavier dialogiert, ohne jemals die Kontrolle abzugeben. Der Ansatz ist der des modernen Jazz der 1980er Jahre, aber mit einer formalen Beschränkung, die ihn zu etwas Besonderem macht: einem Duo, in dem der eine nicht einfach nur die Lücken füllt, die der andere hinterlässt, sondern mit ihm eine neue, komplexe Textur schafft.
Einzigartige Textur: Klavier und Sopransaxophon bilden ein Komposit-Instrument.
Das Album dauert 43 Minuten und 51 Sekunden. In weniger als einer Stunde schaffen Steve Lacy und Mal Waldron eine kontinuierliche Klanglandschaft, in der die Grenze zwischen den beiden Instrumenten verschwimmt. Das Klavier von Mal Waldron ist keine bloße Begleitung: es ist ein melodischer Kontrapunkt, manchmal eine Harmonie, manchmal ein trockener Rhythmus. Das Sopransaxophon von Steve Lacy hingegen setzt sich nie als dominante Stimme durch; es fügt sich in die Linie des Klaviers ein, dehnt sie, unterbricht sie, nimmt sie wieder auf. Diese Gleichberechtigung verleiht "Sempre Amore" seine Identität: ein reduziertes Orchester aus zwei Stimmen, in dem jeder Ton zählt.
Johnny Come Lately, Sempre Amore und Smada: Drei Beispiele für Neuinterpretation.
Der Titel, der die CD eröffnet, Johnny Come Lately, stellt von Anfang an eine Bedingung: ein melodischer Satz von Ellington/Strayhorn wird mit völliger Freiheit interpretiert. Im Zentrum der CD steht Sempre Amore – der Titel, der den Namen des Albums trägt – als Dreh- und Angelpunkt: hier erreicht die Klangdichte ihren Höhepunkt, die beiden Instrumente antworten sich gegenseitig, ohne jemals um die Führung zu konkurrieren. Jeder Titel wirkt wie ein Glied einer melodischen Kette, die sich erst in der allerletzten Sekunde der CD schließt.
Fazit: Ein Album, in dem jeder Ton eine architektonische Entscheidung ist.
Steve Lacy und Mal Waldron bewegen sich in einer Diskographie, die von Kooperationen mit anderen Pianisten der Post-Bop-Szene geprägt ist, aber Sempre Amore zeichnet sich durch seinen rigorosen Ansatz bei der Interpretation der Kompositionen von Duke Ellington und Billy Strayhorn aus. Dieses Album folgt chronologisch Only Monk, das ebenfalls 1987 veröffentlicht wurde, und geht More Monk (1991) voraus, zwei Werke, die ein anhaltendes Interesse am Repertoire von Thelonious Monk zeigen. Darüber hinaus hat Steve Lacy bereits mehrere Soloalben oder Kooperationen vor dieser Zeit aufgenommen: Soprano Sax (1958), Reflections: Steve Lacy Plays Thelonious Monk (1959), The Straight Horn of Steve Lacy (1960), Evidence (1962), Disposability (1966), Sortie (1966) und Epistrophy (1969). Diese Werke bestätigen seine Bedeutung in der Geschichte des modernen Jazz, wo er ständig die Grenzen zwischen freier Improvisation und getreuer Wiedergabe auslotet. Die Gesamtlänge des Albums beträgt 43 Minuten und 51 Sekunden, verteilt auf acht Titel, wobei Johnny Come Lately den Einstieg markiert und Smada das Ende bildet. Diese kompakte Struktur verstärkt die Idee eines Albums, das als eine zusammenhängende Einheit konzipiert ist, in der jeder Titel nahtlos in den nächsten übergeht und ein kohärentes Ganzes bildet, das mehr ist als die Summe seiner Teile. "Sempre Amore" versucht nicht, zu gefallen; es versucht, zu überzeugen. Steve Lacy verwandelt hier die Standards von Ellington und Strayhorn in eine eigenständige Struktur, in der jeder Titel wie eine autonome Zelle funktioniert, aber durch eine melodische Kohärenz mit den anderen verbunden ist. Das Album präsentiert sich als Manifest der instrumentalen Reduktion: weniger Musiker, mehr Präzision.
Technische Daten
- Erscheinungsjahr: 1987 - Label: Soul Note - Titel: 8 (43 Minuten 51 Sekunden) - Eröffnungs-/Abschlussstück: Johnny Come Lately / Smada
🎬 Die Clips des Albums
8 clips · fortlaufende Wiedergabe
Titel
- 1
- 2
- 3
- 4To the Bitterfeat. Mal Waldron
- 5Azurefeat. Mal Waldron
- 6Sempre amorefeat. Mal Waldron
- 7
- 8Smadafeat. Mal Waldron
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